Hoffnung um jeden Preis

Lindsay Gellman | Longreads | märz 2018 | 23 Minuten (5,717 wörter)
Kurz nachdem Kate Colgans Mutter, Janet, im vergangenen Sommer in einem Krankenhaus in der Nähe von Manchester, Großbritannien, aus der Narkose aufwachte, hatte sie eine einfache Bitte: “Bring mich nach Deutschland.”
Also hat Kate, 25, die Familien-Limousine mit einem Dachträger ausgestattet und mit Gepäck beladen. Sie verfügte die Entlassung ihrer Mutter aus dem Krankenhaus gegen ärztliche Anordnung und hob sie vorsichtig vom Rollstuhl auf den Beifahrersitz. Kates damaliger Verlobter Chad fuhr sie dann zusammen mit der kleinen Tochter des Paares 16 Stunden am Stück in eine Privatklinik am Rande von Dornstetten, einer ruhigen mittelalterlichen Stadt zwischen Stuttgart und Freiburg.
Bei Janet wurde im September 2016 metastasierender Magenkrebs diagnostiziert. Ärzte des National Health Service gaben ihr höchstens ein Jahr zu leben und boten nur eine palliative Chemotherapie an.
Eine palliative Therapie zu wählen erschien Kate wie das Eingeständnis eines Aufgebens. Sie durchsuchte das Internet nach anderen Möglichkeiten, und stieß auf die Hallwang Private Onkologische Klinik, eine Einrichtung die außerhalb des streng regulierten deutschen Krankenhauswesens operiert. Die Hallwang Klinik hat sich in den letzten Jahren inmitten einer Schar von Krebskliniken, die in Deutschland Fuß gefasst haben, profiliert, und vermarktet sich als eine Art Luxus-Spa mit maßgeschneiderten Behandlungen, einer idyllischen Lage im Schwarzwald, und delikaten Mahlzeiten, die in einem Esszimmer eingenommen werden.
Die Online-Testimonials der Klinik sahen vielversprechend aus, und so erkundigten sich die Colgans nach der Behandlung. Nach Durchsicht von Janets Krankenakte sagte ein Arzt der Hallwang-Klinik den Colgans, dass mit Hilfe eines experimentellen Medikamenten-Cocktails, der anderswo nicht ohne weiteres zu haben sei, Janet eine Remission ihrer Krankheit erreichen könne. Aber der Preis sei enorm: mehr als 100.000 Euro. Die Klinik rechnet nicht über Krankenversicherungen ab und verlangt in der Regel eine Anzahlung von 80 Prozent, bevor mit der Behandlung begonnen wird.
Eine Chance auf Remission schien einen Versuch wert zu sein — um jeden Preis.